Es gibt ein Thema, das mich schon sehr lange beschäftigt.
Vielleicht kennen Sie auch diesen einen Menschen.
Jemanden, der andere jeden Tag ungefragt mit digitalem Müll überschüttet.
Morgens beginnt es mit irgendwelchen lieblos weitergeleiteten Bildchen. Sonnenaufgang. Kaffeetasse. Glitzernde Schrift.
„Guten Morgen!“
Natürlich gleich an möglichst viele Empfänger verteilt.
Danach folgt das Tagesgeschehen.
Eine Nachricht aus irgendeinem Portal. Ein Video. Ein Screenshot. Ein Meme. Eine Meldung, die irgendjemand selbst gerade zugesandt bekommen hat und deshalb offenbar zwingend an zehn weitere Menschen weitergereicht werden muss.
Hauptsache weiterleiten.
Hauptsache teilnehmen.
Hauptsache zeigen:
Ich bin im Flow.
Und irgendwann frage ich mich:
Hat eigentlich irgendjemand die Empfänger gefragt, ob sie diesen ganzen digitalen Restmüll überhaupt haben möchten?
Digital bespuckt
Vielleicht klingt das hart.
Aber manchmal fühlt es sich tatsächlich so an, als würde man digital bespuckt.
Nicht einmal aus Bosheit.
Oft vermutlich sogar mit guter Absicht.
„Das könnte dich interessieren.“
„Schau dir das mal an.“
„Hast du das schon gesehen?“
„Das musst du unbedingt wissen.“
Nein.
Muss ich nicht.
Ich muss nicht jeden Morgen irgendeinen Spruch lesen.
Ich muss nicht wissen, welches Video gerade viral geht.
Ich brauche nicht jede Meldung über irgendein Ereignis, das für mein Leben keinerlei Bedeutung hat.
Und ich möchte auch nicht jeden Tag zehn Videos anschauen, nur weil jemand anderes beschlossen hat, dass ich sie interessant finden müsste.
Das eigentlich Merkwürdige daran:
Spricht man das an, stößt man erstaunlich oft auf Unverständnis.
Mehrfach habe ich versucht zu erklären:
Bitte schick mir nicht ständig irgendwelche weitergeleiteten Bilder, Videos und Nachrichten. Wenn du mir etwas sagen möchtest, dann schreib mir etwas.
Etwas von dir.
Einen Gedanken.
Eine Frage.
Ein „Wie geht es dir?“.
Das ist Kommunikation.
Das andere ist für mich inzwischen häufig nur noch Datenverkehr.
Ich soll den wichtigen Satz im Müll suchen
Besonders absurd wird es, wenn zwischen zwanzig weitergeleiteten Bildern und Videos irgendwann tatsächlich eine persönliche Nachricht auftaucht.
Und anschließend erwartet wird, dass ich sie natürlich gelesen habe.
Ich soll also zwischen all dem ungefragt zugesandten digitalen Material herausfiltern, an welcher Stelle plötzlich eine echte Nachricht versteckt war.
Damit wird unterschwellig etwas zur Normalität erklärt, über das ich selbst nie entschieden habe:
Du bekommst diesen ganzen Kram – und du kümmerst dich gefälligst darum, das Wichtige darin zu finden.
Nein.
Warum eigentlich?
Warum entscheidet mein Gegenüber darüber, womit ich meine Aufmerksamkeit verbringen soll?
Der Briefkasten
Irgendwann habe ich angefangen, es bildlicher zu erklären.
Stellen Sie sich vor, jemand kommt jeden Morgen zu Ihnen nach Hause und steckt Ihnen ungefragt einen Beutel mit Hundekot in den Briefkasten.
Am nächsten Morgen wieder.
Und am nächsten.
Und am nächsten.
Zwischendurch liegt vielleicht sogar ein wichtiger Brief zwischen den Beuteln.
Wären Sie begeistert?
Vermutlich nicht.
Die spontane Reaktion auf dieses Beispiel ist meistens ziemlich eindeutig:
„Das soll sich mal jemand wagen!“
Genau.
Und dann frage ich:
Verstehst du jetzt vielleicht, wie sich das für mich digital anfühlt?
Interessanterweise wird es danach häufig still.
Denn plötzlich wird aus etwas scheinbar Normalem etwas Greifbares.
Niemand würde akzeptieren, dass andere Menschen täglich ungefragt den eigenen Briefkasten mit Müll füllen.
Digital scheint das dagegen vollkommen normal geworden zu sein.
Die mediale Dauerbeschallung
Vielleicht ist genau das eines unserer Probleme.
Unsere Gesellschaft wirkt auf mich zunehmend medial überfüttert.
Alles muss geteilt werden.
Alles kommentiert.
Alles fotografiert.
Alles weitergeleitet.
Jede noch so banale Begebenheit wird zur Nachricht.
Wir tragen Geräte mit uns herum, die uns theoretisch Zugang zum Wissen der Menschheit ermöglichen.
Und ein erstaunlich großer Teil dieses technischen Wunders wird dafür verwendet, animierte Morgengrüße, Kurzvideos und Empörungsmeldungen hin und her zu schicken.
Das wäre beinahe lustig, wenn unsere Aufmerksamkeit nicht etwas sehr Begrenztes wäre.
Denn während wir ständig etwas Neues konsumieren, verschwindet etwas anderes:
Ruhe.
Vielleicht ist „Smartphone-Sucht“ sogar der falsche Begriff
Oft wird von Smartphone-Sucht gesprochen.
Mir ist diese Erklärung inzwischen zu einfach.
Sie verlagert das Problem sehr bequem auf den einzelnen Menschen.
Als müsste man sich eben nur etwas besser beherrschen.
Aber hinter unseren Timelines stehen Systeme, deren Aufgabe darin besteht, unsere Aufmerksamkeit möglichst lange festzuhalten.
Sie beobachten, worauf wir reagieren.
Was wir ansehen.
Was wir wegwischen.
Wo wir stoppen.
Was uns ärgert.
Was uns bestätigt.
Was uns emotional erreicht.
Viele Menschen haben zumindest eine Ahnung davon.
Aber eine Ahnung zu haben bedeutet noch lange nicht, sich dem Mechanismus entziehen zu können.
Ich habe darüber bereits ausführlicher in meinem Artikel
„Das
Gerät in deiner Hand kennt deinen nächsten Griff“
geschrieben.
Doch manchmal sieht man die Wirkung solcher Systeme nicht in irgendwelchen Statistiken.
Sondern direkt im eigenen Umfeld.
Zwei Menschen. Zwei Wirklichkeiten.
Ein sehr guter Freund von mir befindet sich mittlerweile in einer Scheidung.
Dabei gab es eine Situation, die mir im Gedächtnis geblieben ist.
Seine Frau erklärte ihm, er solle sich bestimmte Videos anschauen. Videos, in denen gezeigt wurde, was Männer angeblich alles im Haushalt machen und wie engagiert sie dabei seien.
Interessant war jedoch:
Seine eigene Timeline zeigte ihm offenbar genau das Gegenstück.
Dort waren es Frauen, die unermüdlich arbeiteten, den Haushalt erledigten und scheinbar alles allein bewältigten.
Zwei Menschen.
Zwei Telefone.
Zwei Timelines.
Und möglicherweise zwei völlig unterschiedliche digitale Wirklichkeiten.
Ich sagte damals:
Legt eure Smartphones nebeneinander und schaut euch gegenseitig eure Timelines an.
Nicht um herauszufinden, wer recht hat.
Sondern um zu verstehen, dass beide möglicherweise permanent genau mit den Inhalten versorgt werden, auf die sie am stärksten reagieren.
Der eine bekommt Material, das seine Sicht bestätigt.
Der andere ebenfalls.
Und irgendwann diskutieren nicht mehr nur zwei Menschen miteinander.
Zwischen ihnen stehen zwei algorithmisch zusammengestellte Welten.
Der Algorithmus kennt unsere Knöpfe
Vielleicht weiß der Algorithmus nicht, wer wir wirklich sind.
Aber er muss das auch gar nicht.
Es genügt, wenn er weiß, welche Knöpfe er drücken muss.
Was lässt uns länger hinschauen?
Was bringt uns dazu, noch ein Video anzusehen?
Was empört uns?
Was bestätigt uns?
Was schicken wir weiter?
Und genau dort schließt sich für mich der Kreis.
Denn der digitale Müll, den Menschen anschließend an Freunde und Bekannte verteilen, fällt nicht einfach vom Himmel.
Viele dieser Inhalte wurden zuvor bereits darauf optimiert, geteilt zu werden.
Der Algorithmus liefert.
Der Mensch verteilt weiter.
Und am Ende klingelt mein Messenger.
Mein Rückzug ist keine Technikfeindlichkeit
Vielleicht erklärt das auch, warum ich mich in den vergangenen Jahren wieder stärker mit Dingen wie GrapheneOS, Open Source, freien Messengern und digitaler Selbstbestimmung beschäftige.
Nicht weil ich Technik ablehne.
Ganz im Gegenteil.
Ich mag Technik.
Aber ich möchte wieder stärker selbst darüber entscheiden, wie ich sie benutze.
Ich brauche keine 500 Kontakte.
Keine acht sozialen Netzwerke.
Keine permanente Timeline.
Und keine hundert Nachrichten am Tag.
Was ich möchte, sind einige wenige Menschen, mit denen Kommunikation tatsächlich noch etwas bedeutet.
Menschen, die mir nicht einfach alles weiterleiten, was ihnen gerade vor die Augen gekommen ist.
Menschen, die vielleicht stattdessen schreiben:
„Ich musste gerade an dich denken.“
Fünf Wörter.
Keine Animation.
Kein Meme.
Kein Algorithmus.
Ein Mensch.
Weniger kann tatsächlich mehr sein
Vielleicht besteht digitale Souveränität deshalb nicht nur darin, einen anderen Messenger zu verwenden.
Oder ein Smartphone ohne Google-Dienste.
Oder den eigenen Kalender selbst zu hosten.
Vielleicht beginnt sie viel früher.
Bei einer sehr einfachen Frage:
Muss ich das wirklich senden?
Und genauso:
Muss ich das wirklich konsumieren?
Nicht jede Information bereichert unser Leben.
Nicht alles, was wir wissen könnten, müssen wir wissen.
Und nicht alles, was uns jemand zuschickt, verdient unsere Aufmerksamkeit.
Deshalb ziehe ich mich digital an manchen Stellen bewusst zurück.
Nicht weil ich mich von Menschen entfernen möchte.
Sondern vielleicht gerade deshalb.
Denn zwischen all den Nachrichten, Videos, Bildern und Benachrichtigungen möchte ich wieder erkennen können, was wirklich wichtig ist:
den Menschen auf der anderen Seite.